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900 Zeichen zu 296.000: Wer bei KI eigentlich was beiträgt

900 Zeichen getippt, 296.000 Zeichen gelesen - Verhältnis 1 zu 340 an einem einzigen Arbeitstag

Eine Bekannte wollte wissen, wie das eigentlich aufgebaut ist, woran ich seit Monaten baue. Also habe ich es aufgeschrieben. Und weil ich schon dabei war, habe ich am selben Tag etwas nachgezählt, das mich selbst interessiert hat: Wie viel habe ich an diesem Tag getippt - und wie viel hat der Assistent gelesen?

Neun Nachrichten über mehrere Stunden. Rund 900 Zeichen. Das ist weniger als dieser erste Absatz.

Die Messung

Woher Zeichen
Getippte Anweisungen von mir (neun Nachrichten) rund 900
Dauerhaftes Regelwerk (Grundregeln plus übergreifende Regeln) rund 120.000
Der Startvorgang, der jede Sitzung aufsetzt rund 49.000
Steuerdateien des Strategie-Prozesses (Stand, offene Punkte, Regeln) rund 56.000
Die zehn Phasenvorlagen plus Prozess-Anweisung rund 24.000
Notizen aus früheren Sitzungen rund 47.000
Gelesen insgesamt rund 296.000

Das Verhältnis ist rund 1 zu 340.

Die Zahl ist nicht der Punkt. Die Arbeitsteilung ist es. Der Prompt ist nicht deshalb kurz, weil wenig gesagt wurde, sondern weil alles Wiederkehrende schon geschrieben steht. Ein kurzer Prompt ist das Ergebnis der Vorarbeit, nicht ihr Ersatz.

Das ist auch die Antwort auf die Frage, die mir nach meinem KI-Vortrag am häufigsten gestellt wurde: KI oder Erfahrung? Beides. Die Erfahrung steckt nur nicht im Gespräch, sondern in den Dateien.

Was nur der Mensch beitragen kann

Vier Dinge, und sie sind der Grund, warum die 900 Zeichen schwerer wiegen als ihr Anteil.

Absicht. „Ich möchte einer Bekannten erklären, wie das aufgebaut ist.“ Das kann keine Datei vorwegnehmen. Kein System weiß, warum heute etwas gebraucht wird.

Urteil. In einer Phase meines Strategie-Prozesses steht eine Weiche: Wachstum oder Effizienz. Die Rechnung gibt eine Empfehlung ab. Im Testdurchlauf habe ich sie überstimmt. Der Prozess hat es getragen, weil die Abweichung samt Begründung im Dokument steht und nicht wegdiskutiert wurde. Das Urteil des Menschen schlägt die Rechnung - aber es muss sich hinschreiben lassen.

Veto. Zehn Freigabepunkte im Prozess. Ohne ausdrückliche Bestätigung geht keine Phase weiter.

Korrektur. „So darf ein Umbruch nicht aussehen.“ Dieser Punkt ist der wertvollste und wird am häufigsten verschenkt. Eine Korrektur, die im Gespräch bleibt, wirkt einmal. Dieselbe Korrektur, eine Ebene tiefer eingebaut, wirkt für immer. Meine Faustregel: Was du zum zweiten Mal tippst, gehört nicht in den Prompt.

Was aus Dateien kommt

Der Assistent beginnt jede Sitzung blind. Zwischen zwei Sitzungen erinnert er nichts von der Arbeit selbst. Was er weiß, sagt ihm eine Datei. Drei Beispiele aus derselben Sitzung:

Eingabe Was daraus wurde
1 Zeichen Zehn Handlungen: Arbeitsordner verbinden, drei Verbindungen prüfen, Regelwerk laden, Ausstattung und Anweisungsstand messen, Kontext ableiten
48 Zeichen Fünf gezielt gelesene Dateien, rund 56.000 Zeichen Stand, danach eine Zusammenfassung, wo das Projekt steht
400 Zeichen Ein achtzehnseitiges Dokument mit Gestaltung, Ablageort, Dateinamen, Quellenregeln und Anonymisierung

Das „Was“ kam aus den 400 Zeichen. Das „Wie“, das „Wohin“ und das „Was nie“ kamen aus Regeln und Vorlagen.

Der stärkste Beleg ist allerdings der umgekehrte. In derselben Sitzung entstand zuerst ein falsches Ausgabeformat. Nicht weil meine Anweisung unklar gewesen wäre, sondern weil sich mein eigenes Regelwerk widersprach: oben stand noch die alte Vorschrift, weiter unten die neue. Die Ausgabe folgte dem falschen Teil. Anweisungstexte wirken in beide Richtungen gleich zuverlässig. Wer sie pflegt, steuert das Ergebnis. Wer sie verwahrlosen lässt, auch.

Wofür das Ganze gut ist

Damit das nicht abstrakt bleibt: Das hier ist der Prozess, um den es geht. Ein geführter Strategie-Durchlauf, von der Außenwelt bis auf die Kennzahl, die jemand vor Ort täglich beeinflussen kann.

Der Strategie-Prozess von außen nach innen: Eingaben aus Unternehmen, eigener Recherche und vom Menschen, zehn Phasen P0 bis P9 mit Einfrierpunkt bei den vier Ergebniskennzahlen, fünf Endprodukte als Ergebnis
Zum Vergrößern antippen.

Die Reihenfolge ist keine Geschmacksfrage. Wer innen anfängt, schreibt fort, was ohnehin schon getan wird, und nennt es Strategie.

Ohne Zugriff hilft der beste Text nichts

Ein Punkt, der regelmäßig unterschätzt wird: Die 296.000 Zeichen waren nur deshalb lesbar, weil der Arbeitsordner verbunden war. Die 900 Zeichen hätten sie nie finden können.

Ein Assistent ohne Zugriff kann reden, nicht arbeiten. Einer, der ein Dokument nur beschreiben kann, liefert Vorschläge. Einer, der es setzen, rendern und vermessen kann, liefert ein geprüftes Ergebnis. Das ist der Unterschied zwischen Beschreiben und Können.

Die Rangfolge, die praktisch zählt

Ebene Beantwortet Wirkt
Prompt Was, und ob überhaupt einmalig
Anweisung Wie jedes Mal, solange sie geladen wird
Regel Was nie jedes Mal, wenn daran gedacht wird
Wächter Was gestoppt wird jedes Mal, ohne Ausnahme

Die härteste Lehre aus einem Jahr Bauen steht in dieser letzten Zeile: Eine Regel ohne Durchsetzung ist ein Vorsatz. Mein Regelwerk ist über 1.100 Zeilen lang, und fast jede Regel darin ist aus einem gebrochenen Versprechen entstanden. Gehalten haben auf Dauer nur die, die ein kleines Programm erzwingt. Ein Beispiel aus zwei Tagen: Eine Schreibweisen-Regel, die als Wächter läuft, hat elf Verstöße gestoppt. Eine gleich wichtige Layoutregel, die nur auf Papier stand, wurde in derselben Zeit vier Mal gebrochen.

Und die Grenzen

Zwei gehören dazu, sonst entsteht ein falscher Eindruck.

Erstens: Mehr Anweisungstext ist nicht automatisch besser. Insgesamt liegen rund 485.000 Zeichen an Anweisungen vor. Würden sie alle gleichzeitig geladen, wäre jede einzelne schwächer. Je mehr gleichzeitig gilt, desto weniger gilt genau. Der Startvorgang, der je Aufgabe die passenden wenigen auswählt, ist deshalb kein Komfort, sondern die Bedingung dafür, dass Anweisungen überhaupt wirken.

Zweitens, und das ist die wichtigere: Rechnen lässt sich der Kennzahlenbaum. Die Haltung nicht. Hoshin Kanri ist ein Menschenbild, kein Programm. Ein Tool kann die ehrliche Ist-Aufnahme erzwingen und festhalten - führen, konfrontieren und entscheiden muss der Mensch. Wer „Strategie auf Knopfdruck“ verspricht, macht die Leistung zur Massenware. Die Unterscheidung liegt gerade in der Haltung, nicht im Knopf.

Und der ehrlichste Punkt zum Schluss: Der Prozess ist an erfundenen Daten zweimal komplett durchgelaufen. An echten noch nicht. Was ein echter Fall aufdeckt, weiß man vorher nicht.

Was ich Ihnen mitgeben würde

Wenn Sie in Ihrem Haus über KI nachdenken und die Diskussion sich um bessere Prompts dreht, dann dreht sie sich um das eine Prozent, das ohnehin schon funktioniert. Die Arbeit liegt woanders:

  1. Steht Ihr Ablauf irgendwo geschrieben, außerhalb des Gesprächs?
  2. Hat jeder Schritt ein Prüfraster - eine Liste, die vollständig abgehakt sein muss?
  3. Trägt jede Zahl ihre Herkunft, oder verschwimmen belegte und geratene Werte binnen zwei Tagen?
  4. Hat der Assistent überhaupt Zugriff auf Ihre Dateien?
  5. Gibt es zu jedem Widerspruch eine Vorfahrtsregel - welche Quelle gewinnt?

Wer bei der Technik anfängt, baut eine Hülle um einen Inhalt, den es noch nicht gibt. Und merkt es erst, wenn der erste echte Fall nicht hineinpasst.

Wenn Sie das gerade in Ihrem Unternehmen vorhaben und wissen wollen, wo Sie anfangen: schreiben Sie mir.

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