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Aus der Praxis, für die Praxis

Die Linie, die Projekte rettet

Vom Papier an der Wand zum KI-Werkzeug - in einem Tag. Woran erkennen Sie in drei Sekunden, dass ein Projekt kippt? Nicht am Bericht. An einer Linie, die zurückläuft. Diese Linie begleitet mich seit über zwanzig Jahren: erst auf Papier an der Wand, dann als Excel-Makro, seit dieser Woche als Werkzeug, das jeder nach zehn Minuten bedient. Das ist die Geschichte - und sie sagt mehr über KI, als ich erwartet hatte.

Stufe 1 - Anfang der 2000er

Papier an der Wand

Der Projektplan hing bei uns im Werk an der Wand. Eine Zeile je Aufgabe, eine Spalte je Woche, ein Kreuz in jeder Woche, in der gearbeitet wird. Jede Woche standen wir davor und stellten je Aufgabe eine Frage: Auf welchem Stand bist du?

Lag der Stand hinter heute, ging die Linie von der aktuellen Woche zurück bis zu der Woche, die dem Stand entsprach, und wieder vor. Der Backspike. Drei Wochen Rückstand sind drei Kästchen lang. Jeder sieht es. Keiner diskutiert es weg. Jeder Spike erzeugt eine Maßnahme, keine Maßnahme verschwindet.

Das wurde in einem großen Automobilkonzern zum weltweiten Standard - weil es keine Software brauchte, sondern einen Stift.

Projektplan auf Papier an der Wand mit roten Backspike-Linien
Der Plan an der Wand: Kreuze je Woche, rote Linien zurück zum tatsächlichen Stand. Je länger die Zacke, desto größer der Rückstand.
Handgezeichnete Skizze eines Projektplans mit Kreuzen je Woche und Backspike-Linien
So entstand ein Plan: rückwärts vom Ziel, mit dem Team, am Flipchart. Erst wenn das stand, durfte es in ein Werkzeug.

Die Methode kommt aus dem Lean-Umfeld. Ihr Kern ist nicht die Tabelle, sondern die Frage nach dem Stand - und die Ehrlichkeit, die Antwort sichtbar zu machen. Das hat auf Papier funktioniert, weil nichts dazwischen war: kein Programm, keine Rechte, kein Formular. Nur der Stift und die Frage.

Stufe 2 - 2022

Das Excel-Makro

2022 habe ich den Plan in Excel nachgebaut. Ehrlich gesagt: ein Kompromiss. Eine Aufgabe war ein Balken von Start bis Ende. Kreuze mit Lücken gingen nicht. Rot hieß nur: Enddatum überschritten.

Den Backspike gab es nicht. Excel konnte mir sagen, was ich nicht erledigt hatte - aber nicht, wie weit ich inhaltlich war. Dazu Blattschutz, Passwort und ein Formular zum Einrichten.

Es funktionierte. Und es wurde kaum benutzt. Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einem Nachbau.

Das Excel-Makro von 2022: Balken statt Kreuze, ohne Backspike
Das Makro von 2022: sauber, gesperrt, mit Formular - und ohne die Linie, um die es ging.
Stufe 3 - Oktober 2026

Ein Tag mit KI

Diese Woche habe ich das Thema noch einmal angefasst, mit einer KI als Werkstattpartner. Der erste Schritt war nicht Bauen. Der erste Schritt war: Verstehe das Papier. Ich habe die Wand erklärt, die Kreuze, die Linie, die Frage nach dem Stand. Erst als die KI mir den Papierweg Schritt für Schritt zurückerklärt hatte, kam die Idee: Der Backspike wird ein Datum - das Datum, dem der Arbeitsstand entspricht. Alles andere rechnet die Mappe.

Was daraus wurde, in einem Arbeitstag: Doppelklick statt Tippen. Symbole statt Kürzel - nach der ersten Fassung hatte ich gesagt: hier merkt sich keiner Abkürzungen. Der rote Rahmen über die Wochen ist der Backspike. Eine neue Erkenntnis bekommt ein blaues Feld. Gestrichene Aufgaben bleiben sichtbar. Nichts verschwindet - wie auf Papier.

Der neue TIP: Symbole je Woche, roter Rahmen als Backspike, blaues Feld als Erkenntnis
Der TIP heute: Doppelklick setzt das Kreuz, der nächste Doppelklick bewertet die Woche. Rot umrandet: der Backspike.
Das Weekly: Kurven, Aufgaben der Woche mit Ampel, Aussicht und Hinweise, rechnet sich aus dem Plan
Das Weekly rechnet sich selbst aus dem Plan. Eingabe: nur die Kalenderwoche.

Der Wochenbericht, den früher jemand abends zusammengeschrieben hat, rechnet sich jetzt selbst aus dem Plan: geplant gegen gearbeitet, Stunden Soll gegen Ist, Aufgaben der Woche mit Ampel, Aussicht auf die nächste Woche mit Prognose, Hinweise an den Projektleiter.

Ein Knopf, eine PDF-Seite, eine Mail. Und ein erster Reiter, der in zehn Minuten erklärt, wie das Ganze funktioniert - für Leute, die noch nie einen TIP gesehen haben.

Was ich daraus mitnehme

  • 1KI ersetzt keine Methode. Sie baut die Methode nach, die man ihr erklärt - und zwar genau so gut, wie man sie selbst verstanden hat.
  • 2Der teuerste Fehler wäre gewesen, das alte Excel zu verbessern. Wir sind zurück zum Papier gegangen und haben dort angefangen.
  • 3Einfach ist Arbeit. Die erste Fassung hatte Buchstaben zum Tippen. Die zweite einen Doppelklick. Dieser Unterschied entscheidet, ob ein Werkzeug benutzt wird.

Prüffrage: Welche Methode in Ihrem Unternehmen funktioniert auf Papier besser als in dem Werkzeug, das sie ersetzt hat? Genau dort lohnt sich ein Tag.

Wenn Sie sehen wollen, wie das in Ihrem Projekt aussieht: Ich zeige es Ihnen in dreißig Minuten am eigenen Plan.

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Jochen Kleh
Kleh. Consulting & Solutions

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