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Jahrzehnte gegen Wochen: Wenn KI Ihre Software nachbaut

Piktogramm: 36 Jahre Entwicklung gegen einen KI-Nachbau in Wochen, 45 Prozent alltagstauglich - die letzten Prozent zählen

Am 19.02.1990 kam Photoshop 1.0 auf den Markt. Seitdem hat Adobe mehr als 36 Jahre an dieser Software gearbeitet. Anfang Oktober 2026 hat der Softwareentwickler Brandon Thomas mit seinem Projekt ArtCraft sieben Programme veröffentlicht, die Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat nachbilden. Wenige Tage später folgten Word, Excel und PowerPoint. Kostenlos, quelloffen und nach eigener Aussage gebaut mit Claude Opus 5.5, dem KI-Modell von Anthropic.

Jahrzehnte gegen Wochen. Das muss man erst einmal sacken lassen.

Nachgebaut, nicht kopiert

Der Unterschied ist wichtig. Nach Angabe des Projekts ist kein Quellcode von Adobe oder Microsoft im Spiel. Gebaut wurde aus öffentlich zugänglichen Beschreibungen, etwa Adobes veröffentlichter Spezifikation des Photoshop-Dateiformats, und aus dem beobachteten Verhalten der Originale. In der EU ist das grundsätzlich nicht verboten: Der Europäische Gerichtshof hat 2012 entschieden, dass die Funktionen eines Programms, seine Programmiersprache und seine Dateiformate nicht urheberrechtlich geschützt sind. Geschützt ist der Code selbst. Die Gestaltung einer Bedienoberfläche kann allerdings geschützt sein, und genau da wird es bei Nachbauten heikel, die dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen. Ob das Vorgehen im Einzelnen hält, hat noch kein Gericht geprüft.

Und fertig sind die Programme nicht. Der Photoshop-Nachbau deckt nach eigener Angabe rund 76 Prozent der Funktionen ab, ist aber erst zu etwa 45 Prozent für echte Arbeit tauglich. Beim Word-Nachbau schätzt das Projekt rund 60 Prozent. Das Projekt schreibt selbst, es sei noch kein Ersatz für die tägliche professionelle Arbeit.

Das ist für mich der eigentliche Punkt. Die Breite steht in Wochen. Die Tiefe - Randfälle, sauberer Dateiaustausch, Verlässlichkeit im Alltag - das sind die Jahrzehnte. Aber der Abstand wird kleiner. Und zwar schnell.

Die Belächelten von gestern

Vor Kurzem saß ich in einem Gespräch, in dem ein IT-Leiter von einer Runde erzählte, in der er regelmäßig sitzt. Dort sind immer zwei, drei Firmen dabei, die früher belächelt wurden: eigenes ERP-System, alles selbst gestrickt. Diesmal ging es um Schatten-IT. Die Antwort einer dieser Firmen: Das ERP hat die KI komplett nachgebaut, und es verbessert sich permanent. Und Schatten-IT, die ganzen Excel-Listen? Gibt es bei uns nicht. Macht die KI.

Ich habe das nicht selbst gesehen und kann es nicht prüfen. Aber es passt zu dem, was gerade passiert. Wer schon immer selbst gebaut hat, ist plötzlich am schnellsten.

Schatten-IT hat Namen und Gesichter

Schatten-IT kenne ich aus eigener Erfahrung. Bei einem Automobilhersteller habe ich einmal erfasst, wie viele eigene Systeme es allein rund um den Problemlöseprozess gab: Excel-Listen, Access-Datenbanken, kleine IT-Lösungen. Es waren über 20. Auf Basis der damaligen Analyse bin ich davon ausgegangen, dass an jeder Excel-Liste zwei Mitarbeiter hängen und an jeder Access-Datenbank drei. Hinter jeder dieser Lösungen standen Menschen, die sie pflegen, abgleichen und am Leben halten mussten.

Jetzt die unbequeme Frage: Was passiert, wenn das Bauen solcher Lösungen fast nichts mehr kostet?

Dann verschwindet die Schatten-IT nicht. Sie wandert. Aus der Excel-Liste wird das selbst gebaute Programm, aus dem Access-Formular die KI-Anwendung, die sich jede Woche ein Stück verändert. Schneller, schöner - und genauso unkontrolliert, wenn niemand die Spielregeln setzt.

Die Spielfläche eingrenzen

KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Führung. Wer seinen Leuten KI an die Hand gibt, ohne die Spielfläche einzugrenzen, hat in einem Jahr nicht weniger Schatten-IT, sondern mehr. Nur besser versteckt.

Deshalb braucht es Unternehmensregeln. Nicht als Bremse, sondern als Spielfeldrand: Innerhalb dürfen Ihre Leute ausprobieren und bauen, außerhalb nicht. Genau so gehen Jonas Dageförde und ich vor, wenn wir Trainings in Unternehmen machen. Die Regeln gehören von Anfang an dazu.

Für die Geschäftsführung steckt in der Entwicklung übrigens auch eine Chance. Wer heute für Software Abo-Gebühren zahlt, hat in der nächsten Verhandlung ein Argument mehr. Ob man den Nachbau dann wirklich selbst betreiben will, ist eine andere Frage - und die ehrliche Antwort hängt an den letzten Prozent, nicht an den ersten.

Prüffragen für Ihr Unternehmen

  • Wie viele selbst gebaute Listen, Datenbanken und KI-Anwendungen gibt es heute in Ihrem Unternehmen - und wer weiß davon?
  • Wer versteht Ihr System in zwei Jahren noch, wenn es sich jede Woche verändert?
  • Welche Ihrer Abläufe müssen revisionssicher sein, und gilt das auch für das, was eine KI gebaut hat?
  • Für welche Software zahlen Sie heute Abo-Gebühren, und was davon wäre es Ihnen wert, selbst zu betreiben?
  • Gibt es bei Ihnen klare Regeln, wofür KI bauen darf und wofür nicht?

Wie Jonas Dageförde und ich KI in Unternehmen einführen, steht auf meiner Seite zu KI und Digitalisierung. Und wer solche Entwicklungen Woche für Woche eingeordnet bekommen möchte: Das Claude Wochenupdate erscheint jeden Montag.

Quellen

  • Adobe, Blog zum 35. Geburtstag von Photoshop, 19.02.2025: blog.adobe.com
  • ArtCraft, Projektseite PhotoCraft mit Reifegrad (ROADMAP, Stand 11.10.2026): github.com
  • ArtCraft, Projektseite WordCraft: github.com
  • ComputerBase, 12.10.2026: www.computerbase.de
  • EuGH, Urteil vom 02.05.2012, C-406/10 (SAS Institute) - Funktionen, Programmiersprache und Dateiformate nicht geschützt
  • EuGH, Urteil vom 22.12.2010, C-393/09 - Bedienoberfläche kann als eigenes Werk geschützt sein

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